Erinnerungen an die Klus

Quelle: Auszug aus einem Brief von Heinrich Zwehl an Hermann Arndt aus dem Jahre 1963

   ... mit den beigefügten Versen wollte ich Ihnen eine kleine Freude besonderer Art machen. Sie sehen, wir haben die Klus und die gemeinsam dort verlebte Zeit noch nicht vergessen ...

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Wie ein Ausgebombter
seine Evakuierung erlebt und empfunden hat.

In dem schönen Schedetale,
wo die Bäume hoch zum Himmel ragen,
die Schede sich schlängelt durch saftige Wiesen,
drei Eichen stehen, wie mächtige Riesen,
wo der Schede-Wasserlauf durch ein Wehr aufgestaut,
da führt der Waldweg zur „K l u s“ hinauf.

Am Eingang stehen knorrige Eichen auf Posten,
als wollten sie die Schönheit der Natur auskosten.
Fließt an der einen Seite plätschernd ein Bächlein dahin,
nehmen an der anderen Seite hohe Tannen rauschend gefangen den Sinn.
Dort, wo sich weitet der Blick zur Schau,
da hat der Förster LANGE das Wasser zum Fischteich gestaut.
Sieht man am Tag im Wasser die Fischlein springen,
hört man abends in Busch und Baum die Vöglein singen.
Im Schilf die Wildente und das Wasserhuhn brütet,
sie fühlen sich dort ganz sicher und wohl behütet.
Und stellte sich gegen Abend die Dämmerung ein,
oft fielen vom hohen Himmel die Wildenten ein.
Hier hielt ich nach des Tages Mühe und Last
gern die mühsam verdiente Ruhe und Rast.
War abends die Luft geschwängert von Ozon und Blütenduft,
ach, hierzu sinnen, zu träumen, das war eine Lust.
Oft überkam mich ein Ahnen, ein Sehnen,
hier konnte man Gottes Allmacht erleben.

Geht man jetzt ein wenig des Weges geradeaus,
da stößt man auf ein nett aussehendes Schrankenwärterhaus.
Und dieses Haus haben wir uns zum Domizil erkoren,
als wir in Kassel durch Bomben Haus und Habe verloren.
Jetzt war alles so anders, doch fühlten wir uns sicher geborgen,
auf uns zu aber kamen andere und neue Sorgen.
Da war das mit dem Petroleumlicht,
plötzlich sah man die Welt aus ganz anderer Sicht.
Zuerst hatten wir die Lampe, es fehlten Zylinder und Docht,
diese bald zu bekommen hatten wir vergebens gehofft;
und als wir schließlich gar hatten die Kuppel ringsherum
da fehlte noch immer das unentbehrliche Petroleum.

Mit der Hin- und Zugehörigkeit, das war vielleicht ein neckisches Spiel;
solch ein Durcheinander war wirklich zuviel:
Gehörten wir postalisch zur Gemeinde Mielenhausen,
so war das zuständige Kirchenspiel in Dankelshausen,
politisch erfaßt waren wir von der Gemeinde Niederscheden,
mit der Eisenbahn fuhren wir ab vom Bhf. Oberscheden.
Was ich jetzt sage ist bestimmt kein schlechter Witz,
die Lage der Mühle in Niederscheden, die hatten wir bald spitz.
Der Müller, es ist wirklich kein Scherz,
er hatte für alle und für uns ein warmes Herz.
Noch oft weilen bei ihm unsere Gedanken,
hatten wir ihm doch zu Weihnachten unseren Kuchen zu verdanken.
Die Milch bekamen wir in der Molkerei Oberscheden,
den Weg dorthin kann man schlecht schildern, man muß ihn erleben,
abgesehen von der zeitlichen Dauer,
wenn die Mutter im Sommer mit der Milch heimkam, dann war sie oft sauer.
Die in der Wiege liegenden Enkelkinder hatten dafür kein Verständnis,
für solche Dinge fehlte ihnen ja noch die Erkenntnis.
Uns wurde klar, wollen wir teilhaben am ländlichen Segen,
dann müssen wir alle fleißig die Hände regen.
Ich habe mich bemüht und das Glück war dabei,
bei der Eisenbahn wurden fast 2 Hektar Ackerland frei.
Ein Antrag wurde gestellt und ich hab‘ es bekommen
und nun hat das Leben auf der Klus erst richtig begonnen.
Inzwischen war ich in den Ruhestand versetzt,
man fühlte sich nicht mehr gejagt und nicht mehr gehetzt.
War ich bislang umgeben von Aktenstaub,
jetzt wurde die Feder mit der Sense vertauscht.
Zuerst fiel es schwer, doch bald wurde es leichter,
es dauerte nicht lange und ich suchte meinen Meister.
Viel galt’s zu schaffen und manchmal wurde geschunden,
doch als lästige Arbeit hab‘ ich es niemals empfunden.
Opa RINKE war bereit, das Land zu bestellen,
LISE und LOTTE waren seine braven Arbeitsgesellen.
Ach, es war eine Lust, wenn Opa mit Lise und Lotte blitzeblank
morgens zur verabredeten Minute auf dem Acker stand;
dann hat er bedachtsam und stillvergnügt
Furche um Furche schnurgerade und sauber gepflügt.
Nur einmal, da ist ihm der Kragen geplatzt,
als wir beim Heuladen vom schweren Gewitter erfaßt.
Mein Stöhnen, ach, ist das eine Pleite
unterstrich er, ne, so’ne Scheiße.
Würde es ihm im Grabe noch in den Ohren klingen,
von Herzen könnte ich ihm heute noch ein Loblied singen.-
Als ihn damals erfaßt das Zipperlein,
da sprang für ihn der gute Otto TEUTEBERG ein.
Mit Motor und Pferdekraft
wurde jetzt alles viel schneller geschafft.
Als Teuteberg  jr. Im Herbst die Kartoffeln gehaspelt und sah den Segen,
da hat er etwas gemurmelt und er wurde verlegen,
doch wir alle hatten es erwischt und sagten es ganz offen:
es war das Vers’chen von den dümmsten Bauern und den dicksten Kartoffeln.

Und der August THEUNE, damit er ja nicht fehle,
denn er war eine zu treue, anhängliche Seele.
Durch einen Hinweis hat er uns auf die Klus gebracht
und später selbstlos unterstützt mit seiner Kraft.
Oft sah man ihn nachts aus weiter Ferne,
wenn er Gras mähte beim Schein der Laterne.

Inzwischen hatte sich auch der Viehstand vermehrt,
in dieser Notzeit war ja jedes Tier begehrt.
Die Ziegen wurden morgens gebürstet und gestriegelt,
ihre Felle waren entsprechend- wie gespiegelt.
Abends zog ich mit ihnen auf die Weide hinaus,
ich ruhte dann meist auf einem Baumstumpf aus.
Es dauerte nicht lange, da saß neben mir der Hund
und nun erlebte ich eine mir unvergeßliche Abendstund.-
Ganz unbemerkt war es der Katze gelungen,
sie war vom Baum herunter mir auf die Schulter gesprungen.
Und jetzt begann das eifersüchtige Spiel,
die Katze mit ihren Pfötchen immer wieder nach dem Hunde zielt.-
Inzwischen hatte die Nebelhexe den Rasen beleckt,
den Ziegen das Gras nun besonders gut schmeckt.
Die Sonne mit ihrem blutroten Wutgesicht
hatte die Wipfel der Bäume mit Flammen vermischt.
Die Vögel sangen ihre Abendlieder,
allmählich legte sich auch die Natur zum Schlummer nieder.
Und als ich dann mit den Tieren allein stand unter dem Himmelszelt,
da hab ich’s empfunden, Herrgott, wie schön ist Deine Welt!

Es bliebe noch zu besingen der Arbeit Krönung;
hier feierten wir mit der Jahresarbeit Versöhnung.
Von DICKENS Karl in Niederscheden wurde der Tag bestimmt,
ihm heut noch zu danken, mir wohl niemand übel nimmt.
Er verstand schön genußreich zu gestalten den Tag,
doch lieber hätte er alles zu schmackhafter Wurst gemacht.
Mit uns Stadtbauern hatte er dabei seine Last,
aber trotzdem, wir alle hatten unseren diebischen Spaß.
Hatte der Schrankenwärter ARNDT die Wurst dann geräuchert,
wer nun davon gegessen, hat sich kaum noch geräuspert.

Mit allen, die uns damals geholfen in schweren Stunden
fühlen wir uns für immer in Treue verbunden.
Sie haben uns verpflichtet zum Dank,
ich glaube, unser ganzes Leben lang.

Es gäbe noch manch Schönes zu erzählen;
vielleicht werde ich später dazu Prosa wählen.

Nun hört‘ ich, die Klus soll und muß der Technik weichen,
stehen bleiben Tannen, Buchen und Eichen.
Aber ich denke noch oft und gern an sie zurück,
denn sie war im Unglück unser Glück.

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Der Familie Hermann Arndt gewidmet
und zur frdl. Erinnerung an die Mitbewohner
aus der Klus in schwerster Zeit.

                                                  Ihr H. Zwehl

 

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